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Der Wind trug ihn von hinten, aber es war nicht darum allein, dass er so leicht von der Stelle kam.




8 Hans würde 'Don Carlos' lesen, und dann würden sie etwas miteinander haben, worüber weder Jimmerthal noch irgendein anderer mitreden konnte! Wie gut sie einander verstanden! Wer wusste, – vielleicht brachte er ihn noch dazu, ebenfalls Verse zu schreiben?... Nein, nein, das wollte er nicht! Hans sollte nicht werden wie Tonio, sondern bleiben, wie er war, so hell und stark, wie alle ihn liebten und Tonio am meisten! Aber dass er 'Don Carlos' las, würde trotzdem nicht schaden... Und Tonio ging durch das alte, untersetzte Tor, ging am Hafen entlang und die steile, zugige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner Eltern. Damals lebte sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.

 

II

 

1 Die blonde Inge, Ingeborg Holm, Doktor Holms Tochter, der am Markte wohnte, dort, wo hoch, spitzig (острый, островерхий) und vielfach (затейливый, состоящий из многих деталей; vielfach – многократный) der gotische Brunnen stand, sie war's, die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.

2 Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen; an einem Abend jedoch sah er sie in einer gewissen Beleuchtung, sah, wie sie im Gespräch mit einer Freundin auf eine gewisse übermütige Art (задорно, шаловливо; заносчиво) lachend den Kopf zur Seite warf, auf eine gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders feine Kleinmädchenhand zum Hinterkopfe führte, wobei der weiße Gazeärmel von ihrem Ellenbogen zurückglitt (и при этом белый кисейный рукав соскользнул с ее локтя), hörte, wie sie ein Wort, ein gleichgültiges Wort, auf eine gewisse Art betonte, wobei ein warmes Klingen in ihrer Stimme war, und ein Entzücken ergriff (восхищение охватило) sein Herz, weit stärker als jenes, das er früher zuweilen empfunden hatte, wenn er Hans Hansen betrachtete, damals, als er noch ein kleiner, dummer Junge war.

 

1 Die blonde Inge, Ingeborg Holm, Doktor Holms Tochter, der am Markte wohnte, dort, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand, sie war's, die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.

2 Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen; an einem Abend jedoch sah er sie in einer gewissen Beleuchtung, sah, wie sie im Gespräch mit einer Freundin auf eine gewisse übermütige Art lachend den Kopf zur Seite warf, auf eine gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders feine Kleinmädchenhand zum Hinterkopfe führte, wobei der weiße Gazeärmel von ihrem Ellenbogen zurückglitt, hörte, wie sie ein Wort, ein gleichgültiges Wort, auf eine gewisse Art betonte, wobei ein warmes Klingen in ihrer Stimme war, und ein Entzücken ergriff sein Herz, weit stärker als jenes, das er früher zuweilen empfunden hatte, wenn er Hans Hansen betrachtete, damals, als er noch ein kleiner, dummer Junge war.

 

1 An diesem Abend nahm er ihr Bild mit fort, mit dem dicken, blonden Zopf, den länglich geschnittenen (с продолговатым разрезом, продолговатой формы), lachenden, blauen Augen und dem zart angedeuteten Sattel von Sommersprossen (с чуть заметной россыпью веснушек; der Sattel – седло; седловина; andeuten – намекать; намечать, набрасывать) über der Nase, konnte nicht einschlafen, weil er das Klingen in ihrer Stimme hörte, versuchte leise, die Betonung nachzuahmen (подражать интонации, воспроизвести интонацию), mit der sie das gleichgültige Wort ausgesprochen hatte, und erschauerte dabei (и содрогнулся при этом; erschauern – содрогаться, ужасаться, пугаться; der Schauer – благоговение, /священный/ трепет, дрожь). Die Erfahrung lehrte ihn, dass dies die Liebe sei. Aber obgleich er genau wusste, dass die Liebe ihm viel Schmerz, Drangsal (die Drangsal – бедствие, нужда /высок./) und Demütigung (унижение) bringen müsse, dass sie überdies (кроме того, сверх того) den Frieden zerstöre und das Herz mit Melodien überfülle, ohne dass man Ruhe fand, eine Sache rund zu formen (все это округлить, придать этому округлую форму = осознать, обработать) und in Gelassenheit etwas Ganzes daraus zu schmieden (и в покое, спокойно создать: «выковать» из этого нечто целое, цельное; die Gelassenheit – спокойствие, хладнокровие, невозмутимость), so nahm er sie doch mit Freuden auf (все же принял ее с радостью), überließ sich ihr ganz (предался ей полностью) und pflegte sie mit den Kräften seines Gemütes (и пестовал ее всеми силами своей души), denn er wusste, dass sie reich und lebendig mache, und er sehnte sich (страстно стремился, мечтал), reich und lebendig zu sein, statt in Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden...

 

1 An diesem Abend nahm er ihr Bild mit fort, mit dem dicken, blonden Zopf, den länglich geschnittenen, lachenden, blauen Augen und dem zart angedeuteten Sattel von Sommersprossen über der Nase, konnte nicht einschlafen, weil er das Klingen in ihrer Stimme hörte, versuchte leise, die Betonung nachzuahmen, mit der sie das gleichgültige Wort ausgesprochen hatte, und erschauerte dabei. Die Erfahrung lehrte ihn, dass dies die Liebe sei. Aber obgleich er genau wusste, dass die Liebe ihm viel Schmerz, Drangsal und Demütigung bringen müsse, dass sie überdies den Frieden zerstöre und das Herz mit Melodien überfülle, ohne dass man Ruhe fand, eine Sache rund zu formen und in Gelassenheit etwas Ganzes daraus zu schmieden, so nahm er sie doch mit Freuden auf, überließ sich ihr ganz und pflegte sie mit den Kräften seines Gemütes, denn er wusste, dass sie reich und lebendig mache, und er sehnte sich, reich und lebendig zu sein, statt in Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden...

 

1 Dies, dass Tonio Kröger sich an die lustige Inge Holm verlor, ereignete sich in dem ausgeräumten Salon (в гостиной, откуда была убрана мебель) der Konsulin Husteede, die es an jenem Abend traf, die Tanzstunde zu geben (у которой в тот вечер как раз происходил урок танцев), denn es war ein Privatkursus, an dem nur Angehörige (члены семей) von ersten Familien teilnahmen, und man versammelte sich reihum (поочередно; die Reihe – ряд; очередь) in den elterlichen Häusern, um sich Unterricht in Tanz und Anstand erteilen zu lassen (чтобы обучаться танцам и хорошим манерам; den Unterricht erteilen – давать урок, занятия; der Anstand – приличие). Aber zu diesem Behufe (для этой цели /канц. устарев./) kam allwöchentlich Ballettmeister Knaak eigens (специально /для этого/, нарочно) von Hamburg herbei.



2 François Knaak war sein Name, und was für ein Mann war das! «J'ai l'honneur de me vouz représenter (имею честь представиться)», sagte er, «mon nom est Knaak

(моя фамилиия Кнаак /франц./)... Und dies spricht man nicht aus, während man sich verbeugt, sondern wenn man wieder aufrecht steht (и это нужно произносить не тогда, когда кланяешься, а когда уже снова стоишь прямо), – gedämpft (приглушенно, негромко) und dennoch deutlich (и все же отчетливо). Man ist nicht täglich in der Lage, sich auf Französisch vorstellen zu müssen (не каждый день случается представляться по-французски), aber kann man es in dieser Sprache korrekt und tadellos (но если умеешь сделать это на этом языке верно и безупречно; die Tadel – порицание; tadeln – порицать, осуждать), so wird es einem auf Deutsch erst recht nicht fehlen (то на родном языке уж точно не попадешь впросак; fehlen – не хватать, недоставать).» Wie wunderbar der seidig schwarze Gehrock (черный шелковистый сюртук) sich an seine fetten Hüften schmiegte (облегал; schmiegen – прижиматься; облегать /о платье/)! In weichen Falten fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab (брюки мягкими складками ниспадали на лакированные туфли; das Beinkleid – брюки, штаны; панталоны /книжн. устар./), die mit breiten Atlasschleifen (атласными бантами; die Schleife) geschmückt waren, und seine braunen Augen blickten mit einem müden Glück über ihre eigene Schönheit umher (взирали вокруг, смотрели на все с усталым счастьем, вызванным их собственной красотой)...

 

1 Dies, dass Tonio Kröger sich an die lustige Inge Holm verlor, ereignete sich in dem ausgeräumten Salon der Konsulin Husteede, die es an jenem Abend traf, die Tanzstunde zu geben; denn es war ein Privatkursus, an dem nur Angehörige von ersten Familien teilnahmen, und man versammelte sich reihum in den elterlichen Häusern, um sich Unterricht in Tanz und Anstand erteilen zu lassen. Aber zu diesem Behufe kam allwöchentlich Ballettmeister Knaak eigens von Hamburg herbei.

2 François Knaak war sein Name, und was für ein Mann war das! «J'ai l'honneur de me vouz représenter», sagte er, «mon nom est Knaak... Und dies spricht man nicht aus, während man sich verbeugt, sondern wenn man wieder aufrecht steht, – gedämpft und dennoch deutlich. Man ist nicht täglich in der Lage, sich auf Französisch vorstellen zu müssen, aber kann man es in dieser Sprache korrekt und tadellos, so wird es einem auf Deutsch erst recht nicht fehlen.» Wie wunderbar der seidig schwarze Gehrock sich an seine fetten Hüften schmiegte! In weichen Falten fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die mit breiten Atlasschleifen geschmückt waren, und seine braunen Augen blickten mit einem müden Glück über ihre eigene Schönheit umher...

 

1 Jedermann ward erdrückt (был подавлен; ward = wurde /книжн./) durch das Übermaß seiner Sicherheit und Wohlanständigkeit (преизбытком его уверенности и благоприличия, умения себя держать). Er schritt – und niemand schritt wie er, elastisch, wogend (гибко, плавно; wogen – волноваться, колыхаться), wiegend (покачиваясь), königlich – auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte sich und wartete, dass man ihm die Hand reiche. Erhielt er sie, so dankte er mit leiser Stimme dafür, trat federnd (гибко, точно на пружинах; die Feder – перо; пружина) zurück, wandte sich auf dem linken Fuße, schnellte den rechten (отбрасывал правую; schnellen – бросать, метать; взлетать) mit niedergedrückter Spitze (с оттянутым вниз носком) seitwärts vom Boden ab und schritt mit bebenden Hüften davon (и удалялся, подрагивая бедрами)...

2 Man ging rückwärts und unter Verbeugungen (уходить нужно было пятясь и с поклонами) zur Tür hinaus, wenn man eine Gesellschaft verließ, man schleppte einen Stuhl nicht herbei (нельзя было притащить стул), indem man ihn an einem Bein ergriff (схватив его при этом за ножку) oder am Boden entlang schleifte (или волоча по полу), sondern man trug ihn leicht an der Lehne (за спинку) herzu und setzte ihn geräuschlos nieder (и /нужно было/ его бесшумно поставить; das Geräusch – шорох, шум; rauschen – шелестеть, шуршать). Man stand nicht da, indem man die Hände auf dem Bauch faltete und die Zunge in den Mundwinkel schob; tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak eine Art, es ebenso zu machen, dass man für den Rest seines Lebens (так что до конца жизни: «на остаток жизни, на всю оставшуюся жизнь») einen Ekel vor dieser Haltung bewahrte (сохранялось отвращение к этой позе)...

 

1 Jedermann ward erdrückt durch das Übermaß seiner Sicherheit und Wohlanständigkeit. Er schritt – und niemand schritt wie er, elastisch, wogend, wiegend, königlich – auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte sich und wartete, dass man ihm die Hand reiche. Erhielt er sie, so dankte er mit leiser Stimme dafür, trat federnd zurück, wandte sich auf dem linken Fuße, schnellte den rechten mit niedergedrückter Spitze seitwärts vom Boden ab und schritt mit bebenden Hüften davon...

2 Man ging rückwärts und unter Verbeugungen zur Tür hinaus, wenn man eine Gesellschaft verließ, man schleppte einen Stuhl nicht herbei, indem man ihn an einem Bein ergriff oder am Boden entlang schleifte, sondern man trug ihn leicht an der Lehne herzu und setzte ihn geräuschlos nieder. Man stand nicht da, indem man die Hände auf dem Bauch faltete und die Zunge in den Mundwinkel schob; tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak eine Art, es ebenso zu machen, dass man für den Rest seines Lebens einen Ekel vor dieser Haltung bewahrte...

 

1 Dies war der Anstand. Was aber den Tanz betraf, so meisterte Herr Knaak ihn womöglich in noch höherem Grade (владел им в еще большей степени, если такое возможно; womöglich – быть может, возможно). In dem ausgeräumten Salon brannten die Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Der Boden war mit Talkum bestreut (посыпан тальком), und in stummem Halbkreise standen die Eleven (ученики; der Eléve – ученик /балетного училища/) umher. Aber jenseits der Portieren (по другую сторону портьер), in der anstoßenden Stube (в смежной: «примыкающей» комнате), saßen auf Plüschstühlen die Mütter und Tanten und betrachteten durch ihre Lorgnetten Herrn Knaak, wie er, in gebückter Haltung, den Saum seines Gehrockes mit je zwei Fingern erfasst hielt und mit federnden Beinen die einzelnen Teile der Masurka demonstrierte. Beabsichtigte er aber (однако если он намеревался; die Absicht – намерение), sein Publikum gänzlich zu verblüffen (ошеломить), so schnellte er sich plötzlich und ohne zwingenden Grund vom Boden empor (тогда он внезапно взмывал, отрывался без особой: «вынуждающей» причины от пола вверх), indem er seine Beine mit verwirrender Schnelligkeit (с непостижимой быстротой; verwirren – привести в замешательство; wirr – запутанный) in der Luft umeinander wirbelte (одну /ногу/ вокруг другой кружил, вертел), gleichsam mit denselben trillerte (словно пускал ими трели, пел ими), worauf er mit einem gedämpften (после чего он с приглушенным), aber alles in seinen Festen erschütternden Plumps (но все сотрясающим хлопком, с сотрясающим все вещи в их основаниях стуком; der Plumps – глухой удар) zu dieser Erde zurückkehrte...

 

1 Dies war der Anstand. Was aber den Tanz betraf, so meisterte Herr Knaak ihn womöglich in noch höherem Grade. In dem ausgeräumten Salon brannten die Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Der Boden war mit Talkum bestreut, und in stummem Halbkreise standen die Eleven umher. Aber jenseits der Portieren, in der anstoßenden Stube, saßen auf Plüschstühlen die Mütter und Tanten und betrachteten durch ihre Lorgnetten Herrn Knaak, wie er, in gebückter Haltung, den Saum seines Gehrockes mit je zwei Fingern erfasst hielt und mit federnden Beinen die einzelnen Teile der Masurka demonstrierte. Beabsichtigte er aber, sein Publikum gänzlich zu verblüffen, so schnellte er sich plötzlich und ohne zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine mit verwirrender Schnelligkeit in der Luft umeinander wirbelte, gleichsam mit denselben trillerte, worauf er mit einem gedämpften, aber alles in seinen Festen erschütternden Plumps zu dieser Erde zurückkehrte...

 

1 Was für ein unbegreiflicher Affe (что за удивительная: «непостижимая» обезьяна; begreifen – понять, постичь), dachte Tonio Kröger in seinem Sinn. Aber er sah wohl, dass Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem selbstvergessenen Lächeln Herrn Knaaks Bewegungen verfolgte (с самозабвенной улыбкой следила за движениями господина Кнаака), und nicht dies allein war es, weshalb alle diese wundervoll beherrschte Körperlichkeit ihm im Grunde etwas wie Bewunderung abgewann (но не только из-за этого вся эта чудесно управляемая телесность вызывала у него в общем нечто вроде восхищения). Wie ruhevoll und unverwirrbar (как спокойно и невозмутимо) Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein (они не смотрели внутрь вещей), bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden; sie wussten nichts, als dass sie braun und schön seien (кроме того, что они карие и прекрасные). Aber deshalb war seine Haltung so stolz! Ja, man musste dumm sein, um so schreiten zu können wie er (нужно быть глупым, чтобы /мочь, уметь/ так выступать, как он); und dann wurde man geliebt, denn man war liebenswürdig (и тогда тебя любят, потому что ты милый, приятный: «достойный любви»). Er verstand es so gut, dass Inge, die blonde, süße Inge, auf Herrn Knaak blickte, wie sie es tat. Aber würde denn niemals ein Mädchen so auf ihn selbst blicken?

2 O doch, das kam vor (это случалось). Da war Magdalena Vermehren, Rechtsanwalt Vermehrens Tochter, mit dem sanften Mund (мягким, нежным ртом) und den großen, dunklen, blanken Augen voll Ernst und Schwärmerei (полных серьезности и мечтательности; schwärmen – мечтать; увлекаться; восторгаться; die Schwärmerei – мечтательность; увлечение). Sie fiel oft hin beim Tanzen (она часто падала во время танцев); aber sie kam zu ihm bei der Damenwahl (когда дамы выбирали кавалеров), sie wusste, dass er Verse dichtete, sie hatte ihn zweimal gebeten, sie ihr zu zeigen, und oftmals schaute sie ihn von weitem mit gesenktem Kopfe an. Aber was sollte ihm das (но что ему до этого)? Er, er liebte Inge Holm, die blonde, lustige Inge, die ihn sicher darum verachtete, dass er poetische Sachen schrieb... er sah sie an, sah ihre schmalgeschnittenen, blauen Augen, die voll Glück und Spott

(der Spott – насмешка) waren, und eine neidische Sehnsucht (завистливая тоска), ein herber, drängender Schmerz (терпкая, теснящая боль), von ihr ausgeschlossen und ihr ewig fremd zu sein, saß in seiner Brust und brannte...

 

1 Was für ein unbegreiflicher Affe, dachte Tonio Kröger in seinem Sinn. Aber er sah wohl, dass Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem selbstvergessenen Lächeln Herrn Knaaks Bewegungen verfolgte, und nicht dies allein war es, weshalb alle diese wundervoll beherrschte Körperlichkeit ihm im Grunde etwas wie Bewunderung abgewann. Wie ruhevoll und unverwirrbar Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden; sie wussten nichts, als dass sie braun und schön seien. Aber deshalb war seine Haltung so stolz! Ja, man musste dumm sein, um so schreiten zu können wie er; und dann wurde man geliebt, denn man war liebenswürdig. Er verstand es so gut, dass Inge, die blonde, süße Inge, auf Herrn Knaak blickte, wie sie es tat. Aber würde denn niemals ein Mädchen so auf ihn selbst blicken?

2 O doch, das kam vor. Da war Magdalena Vermehren, Rechtsanwalt Vermehrens Tochter, mit dem sanften Mund und den großen, dunklen, blanken Augen voll Ernst und Schwärmerei. Sie fiel oft hin beim Tanzen; aber sie kam zu ihm bei der Damenwahl, sie wusste, dass er Verse dichtete, sie hatte ihn zweimal gebeten, sie ihr zu zeigen, und oftmals schaute sie ihn von weitem mit gesenktem Kopfe an. Aber was sollte ihm das? Er, er liebte Inge Holm, die blonde, lustige Inge, die ihn sicher darum verachtete, dass er poetische Sachen schrieb... er sah sie an, sah ihre schmalgeschnittenen, blauen Augen, die voll Glück und Spott waren, und eine neidische Sehnsucht, ein herber, drängender Schmerz, von ihr ausgeschlossen und ihr ewig fremd zu sein, saß in seiner Brust und brannte...

 

1 «Erstes Paar en avant (вперед /франц./)!» sagte Herr Knaak, und keine Worte schildern (опишут = могут описать), wie wunderbar der Mann den Nasallaut hervorbrachte (выговорил, произнес носовой звук). Man übte Quadrille (Quadrille – Tanz, bei dem sich vier Paare im Quadrat aufstellen), und zu Tonio Krögers tiefem Erschrecken (ужасу) befand er sich mit Inge Holm in ein und demselben Karree. Er mied (избегал) sie, wie er konnte, und dennoch geriet er beständig in ihre Nähe; er wehrte seinen Augen (запрещал своим глазам; wehren воспрещать, препятствовать /высок./), sich ihr zu nahen, und dennoch traf sein Blick beständig auf sie (постоянно попадал на нее)... Nun kam sie an der Hand (об руку) des rotköpfigen Ferdinand Matthiessen gleitend (скользя) und laufend herbei, warf den Kopf zurück und stellte sich aufatmend ihm gegenüber. Herr Heinzelmann, der Klavierspieler, griff mit seinen knochigen Händen in die Tasten (ударил своими костлявыми пальцыми по клавишам; greifen – хватать; der Knochen – кость), Herr Knaak kommandierte, die Quadrille begann.

2 Sie bewegte sich vor ihm hin und her (туда и обратно), vorwärts und rückwärts (вперед и назад) schreitend und drehend, ein Duft (благоухание; der Duft), der von ihrem Haar oder dem zarten, weißen Stoff ihres Kleides ausging, berührte ihn manchmal, und seine Augen trübten (застилались дымкой; trüb – непрозрачный; пасмурный; грустный) sich mehr und mehr. Ich liebe dich, liebe, süße Inge, sagte er innerlich (мысленно: «внутренне»), und er legte in diese Worte seinen ganzen Schmerz darüber, dass sie so eifrig (увлеченно, усердно; der Eifer – усердие, старательность) und lustig bei der Sache war (отдавалась танцу: «была при деле») und sein nicht achtete (и на него не обращала внимания; achten + Genitiv). Ein wunderschönes Gedicht von Storm (Теодор Шторм (1817 – 1888) – немецкий писатель, прозаик и лирик, чья лирическая проза оказала большое влияние на Томаса Манна) fiel ihm ein: «Ich möchte schlafen; aber du musst tanzen.» Der demütigende Widersinn quälte ihn (унизительная нелепость мучила его; wider – против + der Sinn – смысл), der darin lag (которая заключалась в том), tanzen zu müssen, während man liebte...

 

1 «Erstes Paar en avant!» sagte Herr Knaak, und keine Worte schildern, wie wunderbar der Mann den Nasallaut hervorbrachte. Man übte Quadrille, und zu Tonio Krögers tiefem Erschrecken befand er sich mit Inge Holm in ein und demselben Karree. Er mied sie, wie er konnte, und dennoch geriet er beständig in ihre Nähe; er wehrte seinen Augen, sich ihr zu nahen, und dennoch traf sein Blick beständig auf sie... Nun kam sie an der Hand des rotköpfigen Ferdinand Matthiessen gleitend und laufend herbei, warf den Kopf zurück und stellte sich aufatmend ihm gegenüber. Herr Heinzelmann, der Klavierspieler, griff mit seinen knochigen Händen in die Tasten, Herr Knaak kommandierte, die Quadrille begann.

2 Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwärts und rückwärts schreitend und drehend, ein Duft, der von ihrem Haar oder dem zarten, weißen Stoff ihres Kleides ausging, berührte ihn manchmal, und seine Augen trübten sich mehr und mehr. Ich liebe dich, liebe, süße Inge, sagte er innerlich, und er legte in diese Worte seinen ganzen Schmerz darüber, dass sie so eifrig und lustig bei der Sache war und sein nicht achtete. Ein wunderschönes Gedicht von Storm fiel ihm ein: «Ich möchte schlafen; aber du musst tanzen.» Der demütigende Widersinn quälte ihn, der darin lag, tanzen zu müssen, während man liebte...

 

1 «Erstes Paar en avant!» sagte Herr Knaak, denn es kam eine neue Tour. «Compliment! Moulinet des dames! Tour de main! (Поклон! Дамы – накрест! За руки – кружиться! /франц./; moulinet – мельница /франц./)» Und niemand beschreibt, auf welch graziöse Art er das stumme e vom «de» verschluckte (насколько грациозно он проглатывал немое е от /предлога/ de).

2 «Zweites Paar en avant!» Tonio Kröger und seine Dame waren daran (на очереди). «Compliment!» Und Tonio Kröger verbeugte sich. «Moulinet des dames!» Und Tonio Kröger, mit gesenktem Kopfe und finsteren Brauen (нахмурив брови; finster – мрачный) legte seine Hand auf die Hände der vier Damen, auf die Inge Holms, und tanzte ‘moulinet’.

3 Ringsum entstand ein Kichern (хихиканье) und Lachen. Herr Knaak fiel in eine Ballettpose, welche ein stilisiertes Entsetzen ausdrückte (принял балетную позу, котрая выражала стилизованный ужас). «O weh (Боже: «увы! ах!»)!» rief er. «Halt, halt! Kröger ist unter die Damen geraten (попал, затесался)! En arrière (назад

/франц./), Fräulein Kröger, zurück, fi donc (фи /же/ = стыдно /франц./)! Alle haben es nun verstanden, nur Sie nicht. Husch (живо; huschen – прошмыгнуть, промелькнуть, пробежать)! Fort (прочь)! Zurück mit Ihnen (давайте-ка назад)!» Und er zog sein gelbseidenes Taschentuch und scheuchte (прогнал: «спугнул, отогнал /как птицу/») Tonio Kröger damit an seinen Platz zurück.

4 Alles lachte (все засмеялись, рассмеялись), die Jungen, die Mädchen und die Damen jenseits der Portieren, denn Herr Knaak hatte etwas gar zu Drolliges aus dem Zwischenfall gemacht (сделал нечто весьма забавное из этого происшествия), und man amüsierte sich wie im Theater. Nur Herr Heinzelmann wartete mit trockener Geschäftsmiene auf das Zeichen zum Weiterspielen, denn er war abgehärtet (закален) gegen Herrn Knaaks Wirkungen.

 

1 «Erstes Paar en avant!» sagte Herr Knaak, denn es kam eine neue Tour. «Compliment! Moulinet des dames! Tour de main!» Und niemand beschreibt, auf welch graziöse Art er das stumme e vom «de» verschluckte.

2 «Zweites Paar en avant!» Tonio Kröger und seine Dame waren daran. «Compliment!» Und Tonio Kröger verbeugte sich. «Moulinet des dames!» Und Tonio Kröger, mit gesenktem Kopfe und finsteren Brauen legte seine Hand auf die Hände der vier Damen, auf die Inge Holms, und tanzte ‘moulinet’.

3 Ringsum entstand ein Kichern und Lachen. Herr Knaak fiel in eine Ballettpose, welche ein stilisiertes Entsetzen ausdrückte. «O weh!» rief er. «Halt, halt! Kröger ist unter die Damen geraten! En arrière, Fräulein Kröger, zurück, fi donc! Alle haben es nun verstanden, nur Sie nicht. Husch! Fort! Zurück mit Ihnen!» Und er zog sein gelbseidenes Taschentuch und scheuchte Tonio Kröger damit an seinen Platz zurück.

4 Alles lachte, die Jungen, die Mädchen und die Damen jenseits der Portieren, denn Herr Knaak hatte etwas gar zu Drolliges aus dem Zwischenfall gemacht, und man amüsierte sich wie im Theater. Nur Herr Heinzelmann wartete mit trockener Geschäftsmiene auf das Zeichen zum Weiterspielen, denn er war abgehärtet gegen Herrn Knaaks Wirkungen.

 

1 Dann ward die Quadrille fortgesetzt. Und dann war Pause. Das Folgmädchen klirrte mit einem Teebrett voll Weingeleegläsern zur Tür herein (горничная внесла поднос: «прозвенела подносом», который был полон стаканчиков с винным желе), und die Köchin folgte mit einer Ladung Plumcake (с грузом кексов с изюмом /англ./) in ihrem Kielwasser (в ее кильватере). Aber Tonio Kröger stahl sich fort (ускользнул, ушел украдкой; stehlen – красть), ging heimlich auf den Korridor hinaus und stellte sich dort, die Hände auf dem Rücken, vor ein Fenster mit herabgelassener Jalousie, ohne zu bedenken, dass man durch diese Jalousie gar nichts sehen konnte, und dass es also lächerlich sei, davorzustehen und zu tun, als blicke man hinaus (и делать вид, будто смотришь наружу, на улицу).

2 Er blickte aber in sich hinein, wo so viel Gram (der Gram – скорбь) und Sehnsucht war. Warum, warum war er hier? Warum saß er nicht in seiner Stube am Fenster und las in Storms ‘Immensee’ (самая знаменитая повесть Теодора Шторма, в которой рассказывается о несчастной любви. Повесть «Тонио Крёгер» не только тематически и стилистически постоянно перекликается с повестью «Иммензее», но и просто вписана в ту же структурную рамку /те же неравные по размеру девять глав/) und blickte hie und da (время от времени) in den abendlichen Garten hinaus, wo der alte Walnussbaum schwerfällig knarrte (где тяжело потрескивал старый орешник)? Das wäre sein Platz gewesen. Mochten die anderen tanzen (пусть другие танцуют) und frisch und geschickt bei der Sache sein!... Nein, nein, sein Platz war dennoch hier, wo er sich in Inges Nähe wusste, wenn er auch nur einsam von ferne stand (пусть он только одиноко стоял в отдалении) und versuchte, in dem Summen (в гудении; summen – жужжать, гудеть), Klirren (звоне, дребезжании), und Lachen dort drinnen ihre Stimme zu unterscheiden, in welcher es klang von warmem Leben. Deine länglich geschnittenen, blauen, lachenden Augen, du blonde Inge! So schön und heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht ‘Immensee’ liest und niemals versucht, selbst dergleichen (подобное) zu machen; das ist das Traurige!...

 

1 Dann ward die Quadrille fortgesetzt. Und dann war Pause. Das Folgmädchen klirrte mit einem Teebrett voll Weingeleegläsern zur Tür herein, und die Köchin folgte mit einer Ladung Plumcake in ihrem Kielwasser. Aber Tonio Kröger stahl sich fort, ging heimlich auf den Korridor hinaus und stellte sich dort, die Hände auf dem Rücken, vor ein Fenster mit herabgelassener Jalousie, ohne zu bedenken, dass man durch diese Jalousie gar nichts sehen konnte, und dass es also lächerlich sei, davorzustehen und zu tun, als blicke man hinaus.

2 Er blickte aber in sich hinein, wo so viel Gram und Sehnsucht war. Warum, warum war er hier? Warum saß er nicht in seiner Stube am Fenster und las in Storms ‘Immensee’ und blickte hie und da in den abendlichen Garten hinaus, wo der alte Walnussbaum schwerfällig knarrte? Das wäre sein Platz gewesen. Mochten die anderen tanzen und frisch und geschickt bei der Sache sein!... Nein, nein, sein Platz war dennoch hier, wo er sich in Inges Nähe wusste, wenn er auch nur einsam von ferne stand und versuchte, in dem Summen, Klirren und Lachen dort drinnen ihre Stimme zu unterscheiden, in welcher es klang von warmem Leben. Deine länglich geschnittenen, blauen, lachenden Augen, du blonde Inge! So schön und heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht ‘Immensee’ liest und niemals versucht, selbst dergleichen zu machen; das ist das Traurige!...

 

1 Sie müsste kommen! Sie müsste bemerken, dass er fort war (что он ушел, что его нет), müsste fühlen, wie es um ihn stand (каково ему, как с ним обстоит дело, что с ним происходит), müsste ihm heimlich folgen, wenn auch nur aus Mitleid, ihm ihre Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei froh, ich liebe dich. Und er horchte hinter sich und wartete in unvernünftiger Spannung (в неразумном напряжении = напряженном ожидании; spannen – натягивать /лук/; запрягать), dass sie kommen möge. Aber sie kam keineswegs. Dergleichen geschah nicht auf Erden (на земле = в этой земной жизни).

2 Hatte auch sie ihn verlacht (осмеивала, осмеяла, посмеялась над ним), gleich allen anderen? Ja, das hatte sie getan, so gern er es ihret- und seinetwegen geleugnet hätte (сколь бы охотно он ни отрицал это ради нее и ради него самого; leugnen – отрицать, оспаривать, отпираться). Und doch hatte er nur aus Versunkenheit in ihre Nähe (из-за погруженности в ее близость = из-за того, что был всецело поглощен ее близостью; versinken – тонуть, погружаться) ‘moulinet des dames’ mitgetanzt. Und was verschlug das (ну и что в этом такого, что страшного случилось; verschlagen – заколачивать, перегораживать; относить в сторону /течением/, сбивать; сравните: Es verschlug ihm fast den Atem – у него дух захватило)? Man würde vielleicht einmal aufhören zu lachen! Hatte etwa nicht kürzlich eine Zeitschrift ein Gedicht von ihm angenommen, wenn sie dann auch wieder eingegangen war (прогорел, обанкротился), bevor das Gedicht hatte erscheinen können? Es kam der Tag, wo er berühmt war, wo alles gedruckt wurde, was er schrieb, und dann würde man sehen, ob es nicht Eindruck auf Inge Holm machen würde... Es würde keinen Eindruck machen, nein, das war es ja (в том-то все и дело). Auf Magdalena Vermehren, die immer hinfiel, ja, auf die. Aber niemals auf Inge Holm, niemals auf die blauäugige, lustige Inge. Und war es also nicht vergebens?...

 

1 Sie müsste kommen! Sie müsste bemerken, dass er fort war, müsste fühlen, wie es um ihn stand, müsste ihm heimlich folgen, wenn auch nur aus Mitleid, ihm ihre Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei froh, ich liebe dich. Und er horchte hinter sich und wartete in unvernünftiger Spannung, dass sie kommen möge. Aber sie kam keineswegs. Dergleichen geschah nicht auf Erden.

2 Hatte auch sie ihn verlacht, gleich allen anderen? Ja, das hatte sie getan, so gern er es ihret- und seinetwegen geleugnet hätte. Und doch hatte er nur aus Versunkenheit in ihre Nähe ‘moulinet des dames’ mitgetanzt. Und was verschlug das? Man würde vielleicht einmal aufhören zu lachen! Hatte etwa nicht kürzlich eine Zeitschrift ein Gedicht von ihm angenommen, wenn sie dann auch wieder eingegangen war, bevor das Gedicht hatte erscheinen können? Es kam der Tag, wo er berühmt war, wo alles gedruckt wurde, was er schrieb, und dann würde man sehen, ob es nicht Eindruck auf Inge Holm machen würde... Es würde keinen Eindruck machen, nein, das war es ja. Auf Magdalena Vermehren, die immer hinfiel, ja, auf die. Aber niemals auf Inge Holm, niemals auf die blauäugige, lustige Inge. Und war es also nicht vergebens?...

 

1 Tonio Krögers Herz zog sich schmerzlich zusammen bei diesem Gedanken. Zu fühlen, wie wunderbare spielende und schwermütige Kräfte sich in dir regen

(шевелятся, движутся, бродят), und dabei zu wissen, dass diejenigen, zu denen du dich hinübersehnst (к которым ты стремишься всей душой), ihnen in heiterer Unzugänglichkeit gegenüberstehen (противостоят им, стоят перед ними в веселой неприступности, недоступности; der Zugang – доступ; zugänglich – доступный), das tut sehr weh (это очень больно). Aber obgleich er einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung vor einer geschlossenen Jalousie stand und in seinem Kummer tat, als könnte er hindurchblicken, so war er dennoch glücklich. Denn damals lebte sein Herz. Warm und traurig schlug es für dich, Ingeborg Holm, und seine Seele umfasste deine blonde, lichte und übermütig gewöhnliche kleine Persönlichkeit in seliger Selbstverleugnung (в блаженном самоотречении).

2 Mehr als einmal stand er mit erhitztem Angesicht (с разгоряченным лицом; die Hitze – жара, зной) an einsamen Stellen, wohin Musik, Blumenduft und Gläsergeklirr (звон бокалов) nur leise drangen (проникали, доносились; dringen), und suchte in dem fernen Festgeräusch deine klingende Stimme zu unterscheiden, stand in Schmerzen um dich (в страданиях: «болях» = страдая из-за тебя, страдая тобой) und war dennoch glücklich. Mehr als einmal kränkte (задевало, обижало) es ihn, dass er mit Magdalena Vermehren, die immer hinfiel, sprechen konnte, dass sie ihn verstand und mit ihm lachte und ernst war, während die blonde Inge (в то время как Инга, Инга же), saß er auch neben ihr (даже если он сидел возле нее), ihm fern und fremd und befremdet erschien, denn seine Sprache war nicht ihre Sprache; und dennoch war er glücklich. Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht, geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte Genugtuung für die Eitelkeit (удовлетворение тщеславия, смешанное с брезгливым чувством, с примесью брезгливости; der Ekel – отвращение; eitel – тщеславный). Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine trügerische Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen (улавливать маленькие обманчивые приближения к любимому предмету, сближения с предметом любви; erhaschen – поймать, ловить, схватить). Und er schrieb diesen Gedanken innerlich auf (записал), dachte ihn völlig aus (продумал до конца) und empfand ihn bis auf den Grund (и прочувствовал до основания).

 

1 Tonio Krögers Herz zog sich schmerzlich zusammen bei diesem Gedanken. Zu fühlen, wie wunderbare spielende und schwermütige Kräfte sich in dir regen, und dabei zu wissen, dass diejenigen, zu denen du dich hinübersehnst, ihnen in heiterer Unzugänglichkeit gegenüberstehen, das tut sehr weh. Aber obgleich er einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung vor einer geschlossenen Jalousie stand und in seinem Kummer tat, als könnte er hindurchblicken, so war er dennoch glücklich. Denn damals lebte sein Herz. Warm und traurig schlug es für dich, Ingeborg Holm, und seine Seele umfasste deine blonde, lichte und übermütig gewöhnliche kleine Persönlichkeit in seliger Selbstverleugnung.

2 Mehr als einmal stand er mit erhitztem Angesicht an einsamen Stellen, wohin Musik, Blumenduft und Gläsergeklirr nur leise drangen, und suchte in dem fernen Festgeräusch deine klingende Stimme zu unterscheiden, stand in Schmerzen um dich und war dennoch glücklich. Mehr als einmal kränkte es ihn, dass er mit Magdalena Vermehren, die immer hinfiel, sprechen konnte, dass sie ihn verstand und mit ihm lachte und ernst war, während die blonde Inge, saß er auch neben ihr, ihm fern und fremd und befremdet erschien, denn seine Sprache war nicht ihre Sprache; und dennoch war er glücklich. Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht, geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte Genugtuung für die Eitelkeit. Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine trügerische Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen. Und er schrieb diesen Gedanken innerlich auf, dachte ihn völlig aus und empfand ihn bis auf den Grund.

 

1 Treue (верность)! dachte Tonio Kröger. Ich will treu sein und dich lieben, Ingeborg, solange ich lebe! So wohlmeinend war er (такие благие намерения были у него; wohlmeinend – доброжелательный, с благими намерениями). Und dennoch flüsterte in ihm eine leise Furcht (страх, опасение) und Trauer (печаль, сожаление), dass er ja auch Hans Hansen ganz und gar (совершенно) vergessen habe, obgleich er ihn täglich sah. Und es war das Häßliche (отвратительное: «уродливое»)und Erbärmliche (жалкое, презренное, подлое; sich erbarmen – сжалиться), dass diese leise und ein wenig hämische (язвительный, злорадный) Stimme Recht behielt (был прав), dass die Zeit verging und Tage kamen, da Tonio Kröger nicht mehr so unbedingt wie ehemals (как прежде) für die lustige Inge zu sterben bereit war, weil er Lust und Kräfte in sich fühlte, auf seine Art in der Welt eine Menge des Merkwürdigen zu leisten

(совершить много значительного; merkwürdig – примечательный, достойный внимания).

2 Und er umkreiste behutsam den Opferaltar (кружил, обходил осторожно вокруг алтаря), auf dem die lautere und keusche Flamme seiner Liebe loderte (на котором пылало чистое и непорочное пламя его любви; lauter – прозрачный, чистый; честный /высок./), kniete davor (преклонял перед ним колена) und schürte und nährte sie auf alle Weise (и раздувал, и питал его всячески; schüren – мешать /угли/), weil er treu sein wollte. Und über eine Weile (через некоторое время), unmerklich (незаметно), ohne Aufsehen (без привлечения внимания; das Aufsehen – сенсация, шумиха) und Geräusch, war sie dennoch erloschen (угас; erlöschen – гаснуть, потухать).

3 Aber Tonio Kröger stand noch eine Zeitlang (некоторое время) vor dem erkalteten Altar, voll Staunen und Enttäuschung darüber, dass Treue auf Erden unmöglich war. Dann zuckte er die Achseln (пожал плечами) und ging seiner Wege (пошел своей дорогой: «своими путями»).

 

1 Treue! dachte Tonio Kröger. Ich will treu sein und dich lieben, Ingeborg, solange ich lebe! So wohlmeinend war er. Und dennoch flüsterte in ihm eine leise Furcht und Trauer, dass er ja auch Hans Hansen ganz und gar vergessen habe, obgleich er ihn täglich sah. Und es war das Häßliche und Erbärmliche, dass diese leise und ein wenig hämische Stimme Recht behielt, dass die Zeit verging und Tage kamen, da Tonio Kröger nicht mehr so unbedingt wie ehemals für die lustige Inge zu sterben bereit war, weil er Lust und Kräfte in sich fühlte, auf seine Art in der Welt eine Menge des Merkwürdigen zu leisten.

2 Und er umkreiste behutsam den Opferaltar, auf dem die lautere und keusche Flamme seiner Liebe loderte, kniete davor und schürte und nährte sie auf alle Weise, weil er treu sein wollte. Und über eine Weile, unmerklich, ohne Aufsehen und Geräusch, war sie dennoch erloschen.

3 Aber Tonio Kröger stand noch eine Zeitlang vor dem erkalteten Altar, voll Staunen und Enttäuschung darüber, dass Treue auf Erden unmöglich war. Dann zuckte er die Achseln und ging seiner Wege.

 

III

 

1 Er ging den Weg, den er gehen musste, ein wenig nachlässig und ungleichmäßig, vor sich hin pfeifend (насвистывая себе под нос: «перед собой»), mit seitwärts geneigtem Kopfe ins Weite blickend, und wenn er irreging (сбивался с пути; irre – заблуждающийся, ошибающийся, сбившийся с пути), so geschah es, weil es für etliche (для некоторых) einen richtigen Weg überhaupt nicht gibt. Fragte man ihn, was in aller Welt er zu werden gedachte (кем же он в конце концов намерен стать), so erteilte er wechselnde Auskunft (он отвечал то так, то так: «выдавал меняющуюся справку»; erteilen – давать /совет, заказ, справку – книжн./), denn er pflegte (имел обыкновение) zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), dass er die Möglichkeiten zu tausend Daseinsformen in sich trage (что в нем заложены возможности для тысяч разных форм бытия), zusammen mit dem heimlichen Bewusstsein (наряду с тайным сознанием), dass es im Grunde lauter Unmöglichkeiten seien (сплошные «невозможности»)...

 

1 Er ging den Weg, den er gehen musste, ein wenig nachlässig und ungleichmäßig, vor sich hin pfeifend, mit seitwärts geneigtem Kopfe ins Weite blickend, und wenn er irreging, so geschah es, weil es für etliche einen richtigen Weg überhaupt nicht gibt. Fragte man ihn, was in aller Welt er zu werden gedachte, so erteilte er wechselnde Auskunft, denn er pflegte zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), dass er die Möglichkeiten zu tausend Daseinsformen in sich trage, zusammen mit dem heimlichen Bewusstsein, dass es im Grunde lauter Unmöglichkeiten seien...

 

1 Schon bevor er von der engen Vaterstadt schied, hatten sich leise die Klammern (die Klammer – скоба, зажим, прищепка) und Fäden (и нити) gelöst (ослабли, распустились), mit der sie ihn hielt. Die alte Familie der Kröger war nach und nach (мало-помалу) in einen Zustand des Abbröckelns und der Zersetzung geraten (пришла в состояние распада и разложения; abbröckeln – отламывать /мелкими кусочками/, крошиться, осыпаться; der Brocken – кусок, обломок, глыба), und die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes Sein und Wesen (бытие и сущность = образ жизни и характер) ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen (причислять к приметам этого положения; das Merkmal). Seines Vaters Mutter war gestorben, das Haupt des Geschlechtes (глава рода), und nicht lange darauf (вскоре после этого), so folgte sein Vater, der lange, sinnende, sorgfältig gekleidete Herr mit der Feldblume im Knopfloch, ihr im Tode nach. Das große Krögersche Haus stand mitsamt seiner würdigen Geschichte zum Verkaufe (вместе со своей почтенной историей был объявлен к продаже; würdig – достойный), und die Firma ward ausgelöscht (auslöschen – гасить, тушить; стирать /написанное/; изглаживать из памяти). Tonios Mutter jedoch, seine schöne feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die Mandoline spielte und der alles ganz einerlei war, vermählte sich nach Jahresfrist aufs Neue (снова сочеталась браком по истечении годичного срока /траура/; die Frist – срок), und zwar mit einem Musiker, einem Virtuosen mit italienischem Namen, dem sie in blaue Fernen (в голубые дали) folgte. Tonio Kröger fand dies ein wenig liederlich; aber war er berufen, es ihr zu wehren (но разве был он вправе: «призван, компетентен», ей это запрещать; wehren – воспрещать, препятствовать /высок./)? Er schrieb Verse und konnte nicht einmal beantworten, was in aller Welt er zu werden gedachte...

 

1 Schon bevor er von der engen Vaterstadt schied, hatten sich leise die Klammern und Fäden gelöst, mit der sie ihn hielt. Die alte Familie der Kröger war nach und nach in einen Zustand des Abbröckelns und der Zersetzung geraten, und die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes Sein und Wesen ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen. Seines Vaters Mutter war gestorben, das Haupt des Geschlechtes, und nicht lange darauf, so folgte sein Vater, der lange, sinnende, sorgfältig gekleidete Herr mit der Feldblume im Knopfloch, ihr im Tode nach. Das große Krögersche Haus stand mitsamt seiner würdigen Geschichte zum Verkaufe, und die Firma ward ausgelöscht. Tonios Mutter jedoch, seine schöne feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die Mandoline spielte und der alles ganz einerlei war, vermählte sich nach Jahresfrist aufs Neue, und zwar mit einem Musiker, einem Virtuosen mit italienischem Namen, dem sie in blaue Fernen folgte. Tonio Kröger fand dies ein wenig liederlich; aber war er berufen, es ihr zu wehren? Er schrieb Verse und konnte nicht einmal beantworten, was in aller Welt er zu werden gedachte...

 

1 Und er verließ die winklige (извилистый, со множеством углов и закоулков; der Winkel – угол) Heimatstadt, um deren Giebel der feuchte Wind pfiff (над островерхими крышами, вокруг крыш которого свистел влажный ветер), verließ den Springbrunnen und den alten Walnussbaum im Garten, die Vertrauten seiner Jugend (друзей своей юности; vertraut – интимный, близкий; der Vertraute – доверенный), verließ auch das Meer, das er so sehr liebte, und empfand keinen Schmerz dabei. Denn er war groß und klug geworden, hatte begriffen, was für eine Bewandtnis es mit ihm hatte (как с ним обстояло дело; die Bewandtnis – обстоятельство /устарев./), und war voller Spott (и был исполнен насмешки) für das plumpe (по отношению к тяжеловесному, неуклюжему; plump – громоздкий; неуклюжий) und niedrige Dasein (и низкому, низменному существованию), das ihn so lange in seiner Mitte gehalten hatte (которое его так долго держало в своей среде, окружало его).

2 Er ergab sich ganz der Macht (всецело предался силе), die ihm als die erhabenste (самой возвышенной) auf Erden erschien, zu deren Dienst er sich berufen fühlte und die ihm Hoheit und Ehren (величие и почести) versprach, der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem unbewussten und stummen Leben thront (которая, улыбаясь, господствует: «восседает на троне» над бессознательной и немой жизнью). Mit seiner jungen Leidenschaft ergab er sich ihr, und sie lohnte ihm mit allem, was sie zu schenken hat, und nahm ihm unerbittlich (беспощадно) all das, was sie als Entgelt (взамен; das Entgelt – возмещение, воздаяние /книжн./) dafür zu nehmen pflegt.

3 Sie schärfte seinen Blick und ließ ihn die großen Wörter durchschauen, die der Menschen Busen blähen (раздувают, распирают грудь человека), sie erschloss ihm der Menschen Seelen und seine eigene, machte ihn hellsehend (ясновидящим) und zeigte ihm das Innere der Welt (сердцевину, сущность: «внутреннюю часть» мира) und alles Letzte, was hinter den Worten und Taten ist. Was er aber sah, war dies: Komik und Elend (das Elend – беда, жалкое состояние, нищета; elend – жалкий, убогий) – Komik und Elend.

4 Da kam, mit der Qual und dem Hochmut der Erkenntnis (с высокомерием познания, понимания), die Einsamkeit (одиночество), weil es ihn im Kreise der Harmlosen (потому что его в кругу бесхитростных; harmlos – безобидный, безвредный; der Harm – скорбь; тяжкая обида /высок. устарев./) mit dem fröhlich dunklen Sinn (с весело-темным разумом) nicht litt (не терпели) und das Mal an seiner Stirn sie verstörte (и родимое пятно, метка на его челе их сбивала с толку, вселяла в них тревогу). Aber mehr und mehr versüßte sich ihm auch die Lust am Worte und der Form (но все сладостней становилась для него радость, получаемая от слова и формы), denn er pflegte zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), dass die Kenntnis der Seele allein unfehlbar trübsinnig machen würde (что знание души само по себе неминуемо делало бы мрачным, меланхоличным), wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns wach und munter erhielten (если бы радости: «удовлетворения» выражения не сохраняли бы нам бодрость духа: «не сохраняли бы нас бодрыми»)...

 

1 Und er verließ die winklige Heimatstadt, um deren Giebel der feuchte Wind pfiff, verließ den Springbrunnen und den alten Walnussbaum im Garten, die Vertrauten seiner Jugend, verließ auch das Meer, das er so sehr liebte, und empfand keinen Schmerz dabei. Denn er war groß und klug geworden, hatte begriffen, was für eine Bewandtnis es mit ihm hatte, und war voller Spott für das plumpe und niedrige Dasein, das ihn so lange in seiner Mitte gehalten hatte.

2 Er ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden erschien, zu deren Dienst er sich berufen fühlte und die ihm Hoheit und Ehren versprach, der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem unbewussten und stummen Leben thront. Mit seiner jungen Leidenschaft ergab er sich ihr, und sie lohnte ihm mit allem, was sie zu schenken hat, und nahm ihm unerbittlich all das, was sie als Entgelt dafür zu nehmen pflegt.

3 Sie schärfte seinen Blick und ließ ihn die großen Wörter durchschauen, die der Menschen Busen blähen, sie erschloss ihm der Menschen Seelen und seine eigene, machte ihn hellsehend und zeigte ihm das Innere der Welt und alles Letzte, was hinter den Worten und Taten ist. Was er aber sah, war dies: Komik und Elend – Komik und Elend.

4 Da kam, mit der Qual und dem Hochmut der Erkenntnis, die Einsamkeit, weil es ihn im Kreise der Harmlosen mit dem fröhlich dunklen Sinn nicht litt und das Mal an seiner Stirn sie verstörte. Aber mehr und mehr versüßte sich ihm auch die Lust am Worte und der Form, denn er pflegte zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), dass die Kenntnis der Seele allein unfehlbar trübsinnig machen würde, wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns wach und munter erhielten...

 

1 Er lebte in großen Städten und im Süden, von dessen Sonne er sich ein üppigeres Reifen seiner Kunst versprach (от солнца которых он ожидал: «обещал себе» более пышное созревание своего искусства); und vielleicht war es das Blut seiner Mutter, welches ihn dorthin zog. Aber da sein Herz tot und ohne Liebe war, so geriet er in Abenteuer des Fleisches (в приключения плоти), stieg tief hinab in Wollust (спускался в низины чувственности: «глубоко в чувственность») und heiße Schuld (и в жгучую вину) und litt unsäglich dabei (и несказанно страдал при этом). Vielleicht war es das Erbteil (наследие) seines Vaters in ihm, des langen, sinnenden, reinlich gekleideten Mannes mit der Feldblume im Knopfloch, das ihn dort unten so leiden machte (заставляло страдать) und manchmal eine schwache, sehnsüchtige Erinnerung in ihm sich regen ließ an eine Lust der Seele (о желании, страсти, утехах души; die Lust – радость, удовольствие; желание, стремление; сладострастие, похоть), die einstmals sein eigen gewesen war (которые были некогда ему свойственны) und die er in allen Lüsten nicht wiederfand.

2 Ein Ekel und Hass gegen die Sinne erfasste ihn und ein Lechzen (жажда, томление; lechzen nach D – изнемогать, томиться (по чему-либо) /высок./) nach Reinheit und wohlanständigem Frieden, während er doch die Luft der Kunst atmete, die laue (теплый, тепловатый) und süße, duftgeschwängerte (напоенный ароматами; schwanger – беременный; schwängern – делать беременной, оплодотворять) Luft eines beständigen Frühlings (постоянной весны), in der es treibt und braut und keimt in heimlicher Zeugungswonne (в которой все движется, бродит и прорастает в тайном блаженстве зачатия). So kam es nur dahin (так вот и получилось), dass er, haltlos zwischen krassen Extremen (неустойчивый между двумя резкими противоположностями), zwischen eisiger Geistigkeit (между ледяной духовностью) und verzehrender Sinnenglut (и пожирающим пламенем страстей; der Sinn – чувство /ощущение/, die fünf Sinne – пять органов чувств; внешние чувства, чувственность + die Glut – зной, жар; накал) hin- und hergeworfen, unter Gewissensnöten (страдая угрызениями совести; das Gewissen – совесть + die Not – беда; страдание) ein erschöpfendes (изнурительную) Leben führte, ein ausbündiges (невиданную = разнузданную; der Ausbund – верх /наглости, глупости/), ausschweifendes (неумеренную) und außerordentliches Leben (и беспорядочную жизнь), das er, Tonio Kröger, im Grunde verabscheute (к которой чувствовал отвращение). Welch Irrgang (какой ложный путь = куда меня занесло)! dachte er zuweilen. Wie war es nur möglich, dass ich in alle diese exzentrischen Abenteuer geriet? Ich bin doch kein Zigeuner im grünen Wagen, von Hause aus (от природы, исходно: «от дома, по рождению»)...

 





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